Deutsche Reiterliche Vereinigung

Reitunterricht für Spät- und Wiedereinsteiger

Erwachsene an den Pferdesport heranführen

Reitunterricht für Spät- und Wiedereinsteiger - Foto: FN-ArchivWer als Ausbilder erwachsene Reitschüler betreut, der weiß um die Besonderheiten dieser Zielgruppe. Viele Menschen hegen ihr Leben lang den Traum vom Reiten, sehen sich mit ihrem Pferd als harmonische Einheit am Strand galoppieren, über das Dressurviereck schweben oder über Hindernisse fliegen. Da ist die Ernüchterung oft nur ein paar Reitstunden entfernt. Denn Reiten ist eine hochkomplexe Sportart mit großem Anspruch an die Koordination und die Beweglichkeit – beides Komponenten, die jenseits des 30. Lebensjahres eher ab- als zunehmen. Trotzdem ist Reiten eine Lifetime-Sportart, die bis ins hohe Alter erlernt und ausgeübt werden kann. Um angemessen auf die Bedürfnisse der Zielgruppe eingehen zu können, sind spezielle Angebote für erwachsene Reiter sinnvoll und wichtig.

Fachliche Qualifikation für Reitunterricht mit Spät- und Wiedereinsteigern

Die Ergänzungsqualifikation Spät- und Wiedereinsteiger schult Ausbilder darin, die zielgruppentypischen Aspekte für Spät- und Wiedereinsteiger zu berücksichtigen und zeigt mögliche Herangehensweisen für die Arbeit mit der Zielgruppe auf. Im Fokus stehen psychologische Faktoren in der Ausbildung, didaktische Grundlagen der Erwachsenenbildung und die Förderung des Bewegungsgefühls.

Ab einem Alter von ungefähr 30 Jahren nimmt die körperliche Leistungsfähigkeit des Menschen im Allgemeinen ab. Ausdauer, Beweglichkeit, Kraft, Koordination und Schnelligkeit lassen allmählich nach, insbesondere bei einer bewegungsarmen Lebensweise. Doch der Prozess des Alterns ist individuell und von unterschiedlichen Faktoren abhängig. So erhalten eine gesunde Ernährung, viel Bewegung und angemessenes sportliches Training nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit, sondern beugen sogar vielen Erkrankungen aktiv vor. Damit steht fest, dass Reiten auch im Alter gut für die Gesundheit ist – zumal zum Begriff Gesundheit ja auch immer das Wohlbefinden zählt.

Klar im Vorteil ist der Wiedereinsteiger beim Reiten lernen. Im Gegensatz zum Späteinsteiger hat er bereits – meist in der Kindheit gesammelte – Bewegungserfahrungen, an die angeknüpft und auf die aufgebaut werden kann. Der Späteinsteiger fängt hingegen bei null an, kann im Idealfall aus anderen Sportarten eine gute Grundfitness nachweisen. Daraus lassen sich Empfehlungen für Ausgleichs- und Ergänzungssport ableiten und die ersten Schritte des Reiten lernens gemeinsam planen.

Neben den mehr oder weniger deutlichen Defiziten in der Beweglichkeit und Koordination, haben viele Erwachsene bereits im Vorfeld ein hohes Maß an Kenntnissen erlangt – etwa durch das Lesen von Fachliteratur. So kommen sie mit großem theoretischen Wissen und Vorstellungen in die Reitstunde und stellen schon bald mit Ernüchterung fest, dass bei ihnen zwischen Theorie und Praxis eine große Lücke klafft. Isabell von Neumann-Cosel sagt dazu sehr deutlich: „Um die Einsicht, dass manche Träume von der Einheit mit dem Pferd nie mehr Wirklichkeit werden können, kommt kein Späteinsteiger herum.“ (Lehren und Lernen im Pferdesport, FN Verlag). Nur wenn der Unterricht Spaß macht und positive Erlebnisse mit dem Pferd vermittelt, gelingt es die Motivation zu erhalten und den Erwachsenen langfristig für den Pferdesport zu begeistern.

Als weiterer, sehr wichtiger Aspekt ist bei der Ausbildung von Erwachsenen das Lernverhalten zu berücksichtigen. Anders als Kinder lernen Erwachsene langsam und deutlich mehr über das Verstehen, als über das Probieren. Das heißt, der Erwachsene wünscht sich eine detaillierte Erklärung, Beschreibung und Veranschaulichung einer Bewegung vor der Bewegungsausführung. So macht es durchaus Sinn, das Leichttraben ganz anders zu vermitteln als bei Kindern. Erst durch die gemeinsame Betrachtung des Bewegungsablaufs eines Pferdes – zum Beispiel an der Longe mit farbigen Bandagen, dann durch das Üben der Bewegung am Boden (wie bei einer kleinen Kniebeuge), im Anschluss die Beobachtung eines Reiters beim Leichttraben und erst dann der Selbstversuch auf einem taktmäßig trabenden Pferd.

Darüber hinaus trifft der Erwachsene immer eine bewusste Entscheidung für das Reiten lernen. Er kennt in den meisten Fällen die Risiken, reflektiert die Folgen eines möglichen Unfalls und wägt pro und contra sorgfältig gegeneinander ab. Dafür verdient er Respekt, Anerkennung und Wertschätzung – und eine Unterrichtserteilung, die auf die besonderen Bedürfnisse dieser Zielgruppe eingeht.

Es macht durchaus Sinn, zunächst einmal gemeinsam mit dem Reitschüler den Ist-Zustand zu beleuchten. Fragen zu sportlicher Aktivität, beruflicher Tätigkeit und familiärer Situation sind nicht anmaßend, sondern liefern wichtige Erkenntnisse für die Gestaltung der Reitausbildung. Es ist durchaus legitim, nach dem Körpergewicht zu fragen, denn schließlich gibt es unter den Pferden keine Gewichtsträger – auch wenn dieser unpassende Begriff sich leider hartnäckig hält.

Um Sicherheit und Vertrauen aufzubauen und Ängsten vorzubeugen, ist eine fundierte Ausbildung im Umgang mit dem Pferd wichtig und sinnvoll. Neben der Vermittlung von Kenntnissen zur Natur des Pferdes, seinen Verhaltensweisen und natürlichen Bedürfnissen steht die Schulung der Kommunikation mit dem Pferd im Vordergrund. Bei der Bodenarbeit lernt der Erwachsene, wie er sich durch Körperhaltung und Körpersprache dem Pferd verständlich machen kann. Er lernt dabei auch, dass Pferde sich einem bestimmt auftretenden Menschen gerne unterordnen und folgen – ganz ohne Kraft und Lautstärke.

Parallel zur Ausbildung am Boden gelingt auch bei Erwachsenen das Reiten lernen zunächst am besten auf dem geführten Pferd. Mit einem Voltigiergurt können am Führzügel im Schritt vielfältige Bewegungserfahrungen gesammelt werden – in der Reitbahn, im Gelände, auf unterschiedlichen Böden und über kleine Hindernisse. Die Schulung von Gleichgewicht und Losgelassenheit steht im Vordergrund. Der Reiter lernt, sich passiv bewegen zu lassen und sich den Bewegungen des Pferdes anzupassen. Er fasst Vertrauen zum Pferd und verbessert seine eigene Wahrnehmung.

Aufbauend auf die ersten geführten Erfahrungen, kommt dann im Trab und Galopp vermehrt die Longe zum Einsatz. Vielen Erwachsenen empfinden das Reiten im leichten Sitz als deutlich angenehmer und einfacher als das Reiten mit längerem Bügel. Es macht also durchaus Sinn, zunächst den leichten Sitz zu schulen und daraus das Leichttraben, das Aussitzen und den Galopp zu entwickeln.

Das Reiten in der Natur steht auf der Wunschliste vieler Erwachsener ganz oben. Darum kann schon sehr früh, etwa am Führzügel mit dem Ausreiten begonnen werden. Später bieten erste Ausritte als Handpferd Sicherheit und Naturerlebnisse in einem. Erste kleinere Ausritte nach der Reitstunde motivieren und machen Lust auf mehr. Wo immer es möglich ist, sollten Ausritte unter fachkundiger Anleitung für Erwachsene mit unterschiedlichen Anforderungen angeboten werden.

Im Gegensatz zu Kindern schätzt der Erwachsene eine ruhige Lernumgebung ohne Zuschauer und Ablenkung von außen. Eine Longierhalle oder ein abgetrennter Bereich der Reitbahn sind für den Anfang ideal, damit der Schüler sich gut konzentrieren und Vertrauen zu Ausbilder und Pferd aufbauen kann. 

Und auch wenn der Erwachsene mit einer klaren Zielvorstellung zum Pferd kommt – an einer vielseitigen, abwechslungsreichen und ganzheitlichen Grundausbildung führt kein Weg vorbei!

Bei der Ausbildung erwachsener Reitanfänger spielt das Lehrpferd eine ganz besondere Rolle. Erwachsene brauchen ein Pferd, das hinsichtlich seiner Größe, seines Kalibers und seines Temperamentes zu ihnen passt. Eine zierliche Person wird auf dem breiten Rücken eines Kaltbluts nur schwer zu Losgelassenheit finden. Und sehr große Pferde schaffen aufgrund der „Flughöhe“ oft Unbehagen beim Einsteiger. Die Bewegungen des Pferdes sollten gleichmäßig, rationell und angenehm zu sitzen sein. Doch neben diesen äußeren Faktoren sind natürlich vor allem eine gute Erziehung und eine ebenso solide Ausbildung durch nichts zu ersetzen. Das Lehrpferd muss auf der einen Seite brav und gehorsam beim Putzen, Anbinden und Aufsitzen sein, auf der anderen Seite beim Reiten fleißig vorwärts gehen – wie soll der Reiter zu einem ausbalancierten und losgelassenen Sitz kommen, wenn er das Pferd um jeden Trabtritt bitten muss? Solche Pferde werden nicht geboren, sondern sorgfältig ausgebildet, mit Verstand gemanagt und regelmäßig von einem erfahrenen Reiter in ihrer Durchlässigkeit verbessert. Auch das fällt in den Verantwortungsbereich des Ausbilders.

Mit dem Wissen um die Besonderheiten der Zielgruppe plant der Ausbilder die Reitausbildung. Gerade Späteinsteiger sind dankbar für gründliches Aufwärmen vor dem Reiten. Folgende Möglichkeiten haben sich in der Praxis bewährt:

  • gründliches Putzen auf der Stallgasse mit möglichst großer Bewegungsamplitude (große Kreise mit beiden Armen usw.)
  • Führen des gesattelten Pferdes in der Reitbahn mit unterschiedlichen Aufgaben (Hopserlauf, Entengang, Trippeln usw.)
  • Aufwärmen auf dem Pferd durch Mobilisation der Gelenke (Füße kreisen, Radfahren, Arme kreisen usw.)
  • zusätzliche Dehn- und Kräftigungsübungen zum Beispiel mit Thera-Bändern zum Ausgleich von Defiziten

Selbstverständlich werden die Pferde vorab an alle Bewegungen und Materialien gewöhnt. Die eigentliche Arbeitsphase wird auch für den Erwachsenen vielseitig und abwechslungsreich gestaltet. Durch unterschiedliche Sättel, Bügellängen, Sitzformen und auch Pferde sammelt der Reiter viele unterschiedlichen Bewegungserfahrungen und kommt zu einem ausbalancierten und losgelassenen Sitz. Beim Reiten auf ebenem Hufschlag, über Hindernisse und im Gelände schult er sein Bewegungsgefühl und verbessert Geschmeidigkeit und Beweglichkeit.

Viele kleine Lernschritte mit variantenreichem Üben und Wiederholen festigen das Gelernte und geben Sicherheit und Selbstvertrauen. Insgesamt sind Pausen für den Erwachsenen wichtig, um Überforderung und Ermüdung vorzubeugen und damit das Unfallrisiko zu reduzieren. Gerade bei Menschen über 50 sind schnelle Bewegungen vorsichtig auszuführen, da die Koordination – und hier vor allem die Reaktionsfähigkeit – im Alter abnimmt und es zu einer verlangsamten Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung von Signalen kommt.

Ebenso wichtig wie das Aufwärmen ist das Abwärmen nach der sportlichen Leistung. Das trägt zur Vermeidung von Muskelkater, Verspannungen und zur schnelleren Regeneration bei. Beim Schrittreiten kommt der Reiter mental zum Abschalten und kann die Zeit zum Dehnen der Muskulatur nutzen. Schutz vor Auskühlung bietet bei kaltem, windigem Wetter eine Jacke. Und um den Flüssigkeitsverlust nach dem Sport auszugleichen, sind Mineralwasser oder Apfelschorle ideal.

Reiten lernt man nur durch Reiten. Stimmt. Aber durch Ausgleichs- und Ergänzungssport kann das Reiten lernen gerade bei Erwachsenen sinnvoll unterstützt und begleitet werden. Auch im Alter ist die sportliche Leistungsfähigkeit durchaus noch gut trainierbar. Merkt der Reiter körperliche Defizite, sind ergänzende Maßnahmen meist sinnvoll und gut umzusetzen. Schon zwei- bis dreimal pro Woche für 30 Minuten Laufen, Schwimmen oder Radfahren verbessert die Ausdauer. Bei Defiziten in der Beweglichkeit helfen Dehnübungen, Pilates und Yoga. Durch gezielte Funktionsgymnastik kann eine schwache Muskulatur gekräftigt werden. Neben gemeinsamen Auf- und Abwärmen im Rahmen der Reitstunde haben viele Erwachsene Freude an sogenannten Lauftreffs. Und mit ein bisschen Phantasie und gutem Willen lässt sich sicherlich eine Kooperation mit dem örtlichen Fitnessstudio, Physiotherapie-Zentrum oder Yoga-Raum arrangieren. Der folgende Fitnesstest-Ue30-fuer-Reiter gibt Auskunft über koordinative und konditionelle Fähigkeiten.

Um erwachsene Reitanfänger wirklich gut zu betreuen sind mehr als 45 Minuten Unterricht in der Woche notwendig. Erwachsene sind anspruchsvoll, haben viele Fragen und wissen guten Service zu schätzen. Die Reitanlage und das gesamte Drumherum sollten deshalb gewisse Voraussetzungen erfüllen, zum Beispiel:

  • saubere, im Winter geheizte und trockene Sanitäranlagen zum Umziehen
  • klare Beschilderung zur leichten Orientierung
  • gute Beleuchtung, auch der Parkplätze
  • Ansprechpartner, die gut erreichbar sind (Bürozeiten)
  • Möglichkeit der An- und Abmeldung per E-Mail oder Anrufbeantworter
  • Stübchen oder Aufenthaltsraum für gemütliches Beisammensein

Neben den Anforderungen an die Reitanlage sollte auch die Ausbildung insgesamt auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zugeschnitten sein. Deshalb hat es sich bewährt, neben dem eigentlichen Reiten weitere Angebote zu erarbeiten:

  • Beratung und Betreuung beim Kauf der Ausrüstung, Empfehlung geeigneter Reitsportgeschäfte in der Umgebung.
  • Vermittlung theoretischer Inhalte in Form von Videoabenden, Theorie-Stunden, Kurzlehrgängen zu konkreten Themen, Fachvorträge zum Beispiel von Tierärzten, Hufschmieden, Sattlern
  • gemeinsame Unternehmungen wie Turnierbesuche, Vereinsfahrten, Ausflüge und Fortbildung durch Seminare, Online-Seminare oder Messen
  • Möglichkeit zur Teilnahme an Turnieren, Abzeichenprüfungen und Lehrgängen

Ihr Ansprechpartner

Kathrin Krage

Tel: 02581/6362-120
Fax: 02581/6362-208

kkrage@fn-dokr.de

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Basis- und Nachschlagewerk für alle Ausbilder im Pferdesport mit Tipps und Anleitungen zur zielgerichteten Unterrichtsvorbereitung sowie pädagogischem und psychologischem Grundwissen für die Unterrichtserteilung.

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Die App der Deutschen Reiterlichen Vereinigung bietet neben Newsticker, TV-Tipps und Turnierkalender eine Pferdenamensuche, die Auskunft darüber gibt, welche Pferdenamen bereits vergeben sind. Mit der ADMR-Suchmaschine kann überprüft werden, ob Substanzen und die Inhaltsstoffe im Futter entsprechend der Anti-Doping und Medikamentenkontrollregeln (ADMR) erlaubt sind.

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Stand: 23.07.2020