Deutsche Reiterliche Vereinigung

Verdauungsapparat des Pferdes und Folgen falscher Fütterung

Der Verdauungsapparat der Pferde ist auf die kontinuierliche Aufnahme und optimale Verwertung pflanzlicher, faserreicher Nahrung eingestellt. Evolutionsbedingt ist das Pferd in der Lage, auch noch aus den trockensten Sträuchern Nährstoffe zu ziehen. Mittels Lippen, Zähnen und Tasthaaren kann das Pferd dabei geschickt schmackhaftes Futter von ungenießbarem unterscheiden. Die Verwertung des Futters beginnt schon im Maul. Die breiten Backenzähne können auch harte, verholzte Futterbestandteile zermahlen. Die langsame Aufnahme und gründliche Zerkleinerung des Futters sowie das gründliche Einspeicheln (pro Tag produziert ein Pferd 5 bis 10 Liter Speichel) sind für alle folgenden Verdauungsprozesse von großer Bedeutung, weil der Futterbrei verdünnt und gleitfähig gemacht wird. Gesunde Zähne ohne scharfe Kanten sind also nicht nur entscheidend für eine gute Maultätigkeit beim Reiten, sondern überlebenswichtig! Im Übrigen sorgt die ausreichende Versorgung mit Rau-/Grünfutter auch für einen entsprechenden Abrieb der Zähne durch die Kautätigkeit.

Der Weg der Nahrung

Der Pferdemagen ist klein (Fassungsvermögen ca. 8 bis 15 Liter) und kann daher immer nur kleine Mengen aufnehmen. Im Magen wird der Futterbrei mit Magensaft durchmischt und dadurch der pH-Wert gesenkt. Dies ist die Voraussetzung für den Aufschluss der Nahrung, zudem werden durch den sauren pH-Wert Bakterien abgetötet. Danach gelangt der Futterbrei in den ca. 20 bis 30 Meter langen Dünndarm, der sich in Zwölffinger-, Leer- und Hüftdarm gliedert. Hier werden vor allem die schnell verdaulichen Bestandteile der Nahrung verarbeitet, also Stärke, Zucker, Proteine und Fette. Enzyme spalten die Nährstoffe auf, die dann durch die Wände des Verdauungstraktes in die Blut- und Lymphbahn gelangen und im Körper verteilt werden.

Der ca. sechs bis neun Meter lange Dickdarm gliedert sich in Blinddarm, den kleinen und den großen Grimm- sowie den Mastdarm. Für das Pferd hat der Dickdarm eine besondere Bedeutung, da hier die Mikroorganismen leben, welche in der Lage sind, Rohfaser zu verdauen, also die Gerüststoffe der Pflanzen (schwer abbaubare Kohlenhydrate wie Cellulose, Hemicellulose und Pektin, die enthalten sind in Heu, Stroh und Silage, aber auch in Gras, Laub etc.). Der Dickdarm funktioniert wie eine Gärkammer, in der diese Pflanzenbestandteile aufgeschlossen werden. Dabei entstehen flüchtige Fettsäuren, die über die Darmschleimhaut ins Blut abgegeben werden und dem Pferd Energie liefern. Im Dickdarm wird aber nicht nur ab-, sondern auch aufgebaut. Die dort ansässigen Mikroorganismen sind in der Lage, wasserlösliche B-Vitamine sowie Vitamin K herzustellen und den Organismus damit ausreichend zu versorgen. Um zu überleben, benötigen diese Mikroorganismen regelmäßig rohfaserhaltiges Futter. Anderenfalls sterben sie ab, was dramatische Folgen für die Gesundheit des Pferdes hat.

Der gesamte Darmtrakt ist mit der sogenannten Ringmuskulatur ausgekleidet, die unter der Schleimhaut sitzt. Diese Muskulatur sorgt dafür, dass benachbarte Darmabschnitte abwechselnd ausgedehnt werden und dann wieder erschlaffen. Auf diese Weise wird der Futterbrei weitertransportiert und immer wieder durchmischt. Diese Vorgänge sind von außen hörbar. Wenn der Tierarzt das Pferd bei Verdacht auf Kolik abhorcht, lauscht er, ob er Darmgeräusche vernehmen kann.

 

Anzeichen für Verdauungsprobleme beim Pferd

  • Appetitlosigkeit
  • Liegen zu ungewöhnlichen Uhrzeiten
  • Wesensveränderungen (Unruhe, Apathie)
  • Zu starke, verminderte oder eventuell gar nicht vorhandene Darmgeräusche
  • Schweifschlagen
  • Aufstampfen, unter den Bauch treten
  • Häufiges Wälzen, aufstehen und wieder hinlegen
  • Schwitzen
  • Flehmen
  • Stöhnen
  • Zum Bauch blicken
  • Aufgasung
  • Weicher oder sehr trockener Kot oder wenig bis kein Kotabsatz

Wenn Futter krank macht

Schlechte Fütterung hat Folgen, sie kann Pferde krank machen. Da das Pferd ein Dauerfresser ist, produziert der Pferdemagen ununterbrochen Magensäure, die nur der Speichel neutralisieren kann. Und Speichel wiederum fließt ausschließlich beim Kauen. Ist der Magen länger als vier Stunden ohne Beschäftigung, greift die fortwährend produzierte Magensäure die Schleimhaut an. Ist der Getreideanteil der Futterration zu hoch, werden die chemischen und enzymatischen Verdauungsprozesse nachhaltig gestört – das wirkt sich nicht nur auf die Entstehung von Magengeschwüren, sondern auf den gesamten Organismus aus. Wenn die Stärke aus der Kraftfutterration nicht vollständig im Dünndarm abgebaut werden kann, gelangt der Rest in den Dickdarm. Die dortigen Bakterien sind nicht darauf ausgelegt, die Stärke abzubauen. Dadurch verändert sich die Darmflora, die Mikroorganismen sterben ab. Die Folgen reichen von leichteren Koliken durch Aufgasung bis hin zu Hufrehe, ausgelöst durch Stoffwechselgifte, die von den toten Mikroorganismen freigesetzt werden. Gleichzeitig wird die Bildung der Energie liefernden flüchtigen Fettsäuren und der Vitamine beeinträchtigt. Lange Zeit stand Eiweiß im Verdacht, Auslöser von fütterungsbedingten Krankheiten wie Hufrehe oder auch Kreuzverschlag zu sein. Inzwischen geht man davon aus, dass es ein Überschuss von Kohlenhydraten wie Stärke und bei Hufrehen insbesondere von im frischen Weidegras enthaltenen Fruktanen ist, der dem Pferd schadet.

Mangelnde Futtermittelhygiene (z.B. Pilze im Kraftfutter, Schimmel im Raufutter) kann zu allergischen Reaktionen der Atemwege führen. Futtermittel, die erkennbare hygienische Mängel ausweisen, dürfen daher niemals verfüttert werden. Pferden mit bekannten Allergie-Problemen geht es häufig besser, wenn sie 24 Stunden auf der Weide stehen können. Ansonsten füttert man sie idealerweise mit hochwertiger Silage, die aufgrund des Wassergehalts so gut wie staubfrei ist, oder mit nassem oder bedampften Heu. Das Einstreuen der Boxen und das Fegen der Stallgasse sollten wegen der Staubentwicklung grundsätzlich zu Zeiten stattfinden, wenn die Pferde nicht im Stall sind.

Schlechte Fütterung und ihre Folgen

Art der Fütterung Mögliche Folgen
Getreide mit zu hohem Stärkeanteil / Stark verkleisternde Futtermittel (z.B. Weizen und Roggen) Verklebungen im Magen, Fehlgärungen, Schleimhautentzündungen in Magen und Darm, Aufblähungen und Magenüberladungen, Hufrehe
Einseitige Strohfütterung Verstopfungen
Blähendes Futter (junge Grünfutter, Klee, Luzerne, Kohlgewächse, Äpfel, Brot) Aufgasungen und Magenüberladungen
Einseitige Gabe von mineralstoffreichen Futtermitteln (z.B. Luzerne, Kleie, Mineralfutter mit hohem Calcium-, Phosphor- und/oder Magnesium-Gehalt) Darmsteinbildung, in der Folge Verstopfungen
Schimmel auf Rau- und Krippenfutter Leber- und Nierenschäden, Aufgasungen, Verstopfungen des Dickdarms, Magen- und Darmschleimhautentzündungen, Hufrehe, Atemwegserkrankungen, Allergien (es genügt nicht, die offensichtlich mit Schimmel befallenen Stellen im Futter zu entfernen, das Futter muss komplett entsorgt werden!)
Ungenügend abgelagertes Heu bzw. auch Hafer Ungenügende Trocknung, Schimmelbildung; Folgen siehe dort
Sehr dicht gepacktes und während der Lagerung schlecht belüftetes Heu Ungenügende Trocknung, Schimmelbildung, Folgen siehe dort
Faulige und/oder gefrorene Futtermittel (Möhren, Silage) Fehlgährungen, Schleimhautentzündungen, Hufrehe
Verschmutzte, erdige Futtermittel (z.B. Rüben) Sandkolik, Schleimhautentzündungen
Zu kurzes Stroh Verstopfungen im Dickdarm
Zu kurz geschnittenes Gras Verstopfungen im Dünndarmbereich
Ungeregelte Fütterungszeiten Stress, zeitweise Magenüberladung durch hastiges Fressen möglich
Plötzliche Futterumstellung (z.b. kein „Angrasen“ im Frühjahr) Fehlgärungen im Magen, zeitweise Magenüberladung, Hufrehe
Übermäßig viel Kraftfutter oder junges Weidegras (fruktanreich, faserarm; besonders im Frühjahr und im Herbst) Magenüberladung, Fehlgärungen, Hufrehe
Große körperliche Anstrengungen direkt nach dem Füttern Fehlgärungen, Kolik, Hufrehe
Zu kaltes Tränkwasser Verminderte Wasseraufnahme, in der Folge Verstopfung und Kolik möglich
Wassermangel Verstopfungen

Krankheiten durch falsche Pferdefütterung

  • Unterernährung und Übergewicht
    Sowohl Unter- als auch Übergewicht machen Pferde auf lange Sicht krank (Stoffwechselerkrankungen, Erkrankungen des Bewegungsapparates etc.). Die Fütterung eines Pferdes muss sich daher immer an dessen Bedarf orientieren. Dieser hängt von verschiedenen Faktoren wie zum Beispiel der Leistung, die dem Pferd abverlangt wird, und der Rasse des Pferdes ab. Leichtfuttrige Pferde benötigen eine andere Ration als schwerfuttrige Pferde. Unabhängig vom Rang in der Herde benötigen alle Pferde Zugang zum Futter, ranghohe Tiere in einer Gruppenhaltung nehmen sonst mehr Futter auf als rangniedrige.
  • Koliken
    Koliken gehören zu den häufigsten Erkrankungen des Pferdes und können tödlich enden. Unter dem Begriff Kolik werden verschiedenen Symptome zusammengefasst, durch die das Pferd Schmerzen im Bereich des Magen-Darm-Traktes zum Ausdruck bringt. Typische Koliksymptome können aber auch bei anderen schmerzhaften Erkrankungen im Bauchraum, z.B. des Harn- und Geschlechtstraktes, auftreten.
  • Schlundverstopfungen
    Schlundverstopfungen entstehen durch Fütterung quellfähiger, aber nicht eingeweichter Futtermittel (z.B. Rübenschnitzel), hastiges Schlingen des Krippenfutters (ungenügendes Einspeicheln), Obst- und Gemüsestückchen, die nicht gekaut werden. Daher gilt: Jedes Futtermittel, das bei Flüssigkeitszufuhr weiter quillt, muss vor dem Füttern eingeweicht werden! Erst Heu, dann Hafer füttern! Das Einlegen von großen Steinen in den Trog kann ein zu hastiges Fressen verhindern. Obst und Gemüse müssen entweder so groß sein, dass sie nicht versehentlich am Stück verschluckt werden können, oder sie müssen vor dem Füttern so klein geschnitten werden, dass sie nicht in der Speiseröhre stecken bleiben können.
  • Magengeschwüre
    Schmerzhaft und oftmals schwer zu erkennen! Mögliche Symptome sind chronische oder wiederkehrende Koliken, Kolikanzeichen nach dem Fressen, vermindertet Appetit, schlechtes Allgemeinbefinden, chronischer Durchfall, Gewichtsverlust, Leistungsminderung, Zähneknirschen, Leerkauen und verstärkter Speichelfluss. Auch Widersetzlichkeit beim Angurten und Reiten können ein Hinweis auf Magenprobleme sein. Stress, Medikamente, das Füttern von zu großen Kraftfuttermengen, die zudem auch mit geringerer Speichelbildung aufgenommen werden, genetische Prädispositionen, Parasiten und Infektionen sind mögliche Ursachen für Magengeschwüre.
  • Durchfall
    Veränderungen der Darmflora durch Fütterungsfehler, Parasiten, Überfütterung, rascher Futterwechsel (junges Gras im Frühjahr!), verdorbenes Futter, manchmal auch Medikamente.
  • Hufrehe
    Bei der Hufrehe handelt es sich um entzündliche Veränderungen der Huflederhaut, die für das Pferd extrem schmerzhaft sind. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Durchbruch des Hufbeines durch die Sohle oder zum Ausschuhen. Die Ursachen für die Erkrankung können mechanisch (Überbelastung), metabolisch (Stoffwechselerkrankungen, zum Teil bedingt durch Übergewicht) oder toxisch (Giftpflanzen, Giftstoffe die durch falsche Fütterung im Darm entstehen, Giftstoffe aus der Gebärmutter bei einem gestörten Abgang der Nachgeburt) sein.
  • Kreuzverschlag
    Früher auch „Feiertagskrankheit“ genannt. Wird ein trainiertes Pferd zeitweise wenig oder kaum bewegt und gleichzeitig energiereich gefüttert, kann es bei erneuter Belastung zu einer Zerstörung von Muskelgewebe kommen. Die Pferde bewegen sich steif und haben Schmerzen. Daher gilt: Viel Heu, wenig Kraftfutter, insbesondere bei wenig Arbeit! Aufgrund eines genetischen Defektes neigen manche Pferde auch bei korrekter Fütterung zu dieser Erkrankung.
  • Blut- und Organverfettung
    Vorsicht ist geboten, wenn dicke Pferde zu radikal auf Diät gesetzt werden. Erkennt der Körper einen Mangel, setzt er seine Fettreserven frei. Hierdurch steigt die Fettkonzentration im Blut an und kann zu gefährlichen Organverfettungen führen.

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Stand: 03.02.2021