Deutsche Reiterliche Vereinigung
18.05.2024 | 19:50 Uhr | Uta Helkenberg

Wiesbaden: Anna-Lena Schaaf ist erste U25-Meisterin Vielseitigkeit

Felix Vogg gewinnt Vielseitigkeit im Biebricher Schlosspark

Anna-Lena Schaaf und Fairytale. Foto (c) Stefan Lafrentz

Ein Märchen wird wahr: Anna-Lena Schaaf und Fairytale gewinnen in Wiesbaden die ersten Deutschen U25-Meisterschaften in der Vielseitigkeit. Foto (c) Stefan Lafrentz

Erstmals nach 2017 hat mit dem Schweizer Felix Vogg wieder ein internationaler Gast die Vielseitigkeitsprüfung beim Pfingstturnier in Wiesbaden gewonnen. Sein früherer Trainingspartner Michael Jung belegte als bester Deutscher den dritten Platz. Der Sieg in der erstmals im Rahmen des CCI4*-S ausgetragenen Deutschen U25-Meisterschaft Vielseitigkeit ging an die 22-jährige Anna-Lena Schaaf vor Calvin Böckmann und Brandon Schäfer-Gehrau.

Mit 35 Startern war die Wiesbadener Vier-Sterne-Vielseitigkeitsprüfung so stark besetzt wie schon lange nicht mehr. Ein Grund dafür war sicherlich auch die Premiere der U25-Meisterschaft, die nach Dressur und Springen ab diesem Jahr auch in der Vielseitigkeit ausgetragen wird. Wiesbaden als langjährige Station des U25-Förderpreises bot sich dabei als Ausrichter besonders an. Wie diese Serie wurden auch die Prüfung in Wiesbaden inklusive der Meisterschaft durch das Engagement von Professor Dr. Bernd Heicke ermöglicht. 14 Nachwuchsreiter nutzten die Gelegenheit, um im Rahmen des CCI4*-S um den Titel zu reiten. Für viele war es das erste Mal, vor so einer beeindruckenden Kulisse wie dem Biebricher Schlosses und auf einem vergleichbaren Springplatz an den Start zu gehen.

Einmal mehr bewies Anna-Lena Schaaf ihre Nervenstärke. Mit der 17-jährigen Fidertanz-Tochter Fairytale („Fine“) legte sie nicht nur die beste Dressur des gesamten Starterfeldes vor, sondern drehte im Springen auch die einzige Nullrunde unter den U25-Reitern. Somit gingen die beiden auch als Gesamtführende und Letzte auf die Geländestrecke und kamen gut und sicher ins Ziel. Zwar waren sie nicht die Schnellsten, doch der Vorsprung reichte locker aus, um sich den Titel zu sichern (Endstand: 43,5 Minuspunkte). Damit knüpft die aus Voerde stammende Anna-Lena Schaaf nicht nur an ihre erfolgreiche Pony-, Junioren- und Junge-Reiter-Zeit an. Sie bestätigte auch ihre Leistung bei der „großen“ DM in Luhmühlen im vergangenen Jahr. Dort konnte sie auf Anhieb die Bronzemedaille gewinnen – ein für sie hoch emotionaler Moment. „Ich versuche, mich hier etwas mehr zusammenzureißen“, sagte sie im Pressegespräch. „Aber die erste Deutsche U25-Meisterschaft so nach Hause zu reiten, ist natürlich cool.“ Ihr Dank galt ihrer Stute, die von ihrem Großvater gezogen wurde und die sie daher seit der Fohlenzeit kennt. „In Dressur und Springen war sie mega gut. Im Gelände hat man ihr angemerkt, der Boden zieht an ihr, sie ist ein warmblütiges Pferd und musste schon etwas kämpfen.“ Da sie aber gewusst habe, über ausreichend Vorsprung zu verfügen, sei ihre Devise gewesen: „Lieber etwas mehr Zeit in Kauf nehmen, aber keine Hindernisfehler“. Schaaf: „Ich bin sehr perfektionistisch und an zwei, drei Sprüngen hätte es besser laufen können, aber es gibt keinen perfekten Geländeritt und daher bin ich sehr happy.“

Tatsächlich erwies sich in diesem Jahr nicht nur der Springparcours, sondern auch die von den zahlreichen Zuschauern dicht gesäumte Geländestrecke als recht selektiv. Der erstmals von Bernd Backhaus als Parcourschef aufgebaute Kurs provozierte nicht nur den ein oder anderen Vorbeiläufer, es gab auch eine Reihe von Reitern, die nicht ins Ziel kamen. Aber auch die Zeit war einmal mehr ein ausschlaggebender Faktor, der durch den vom Regen aufgeweichten Boden noch erhöht wurde. Daher kam auch kein einziges Paar ohne Zeitstrafpunkte ins Ziel. Allerdings gelang es dem frisch gebackenen Fünf-Sterne-Reiter Calvin Böckmann (23, Warendorf), hier die besondere Stärke seiner „grundschnellen“ Stute Altair de la Cense gekonnt auszuspielen. Nach einer gelungenen Dressur, jedoch drei Abwürfen im Parcours, drehte er die zweitschnellste Geländerunde überhaupt und die schnellste unter den U25-Reitern. Die letzten Meter der Geländeprüfung, die unter dem Jubel der Zuschauer kreuz und quer durchs vollbesetzte Springstadion führt, beschrieb er so: „Wenn man dann ins Stadion reinreitet, wird man nochmal fünf Zentimeter größer und bekommt einen echten Energiekick. Das macht echt Spaß!“ Sein Endergebnis lautete 50,9 Minuspunkte und das bedeutete die Silbermedaille.

Auf dem Bronzerang landete Brandon Schäfer-Gehrau. Der 24-jährige Düsseldorfer war in Wiesbaden gleich mit zwei Pferden am Start und brachte im Gelände als Pathfinder zunächst seine Stute Very Special gut und sicher ins Ziel, bevor ihm dies auch mit seiner langjährigen Sportpartnerin Fräulein Frieda gelang und er mit 53,0 Minuspunkten den Sprung aufs Podium schaffte. „Ich bin super happy. Ähnlich wie Calvin hatte ich im Springen etwas Probleme mit dem Boden, vielleicht waren wir auch etwas aufgeregt, aber heute hat sie alles gut gemacht und hat eine super Runde im Gelände gedreht“, sagte er: „Sie hat wieder bewiesen, dass sie mit ihren Aufgaben wächst.“

Voller Erfolg für die Warendorfer Perspektivgruppe
Alle drei Medaillengewinner sind nicht nur Mitglieder der Warendorfer Perspektivgruppe Vielseitigkeit, sondern auch Sportsoldaten. So auch die Vierplatzierte Libussa Lübbeke (Wingst) mit Darcy F (53,9 Minuspunkte), der im Rahmen der Siegerehrung das Goldene Reitabzeichen für ihre sportlichen Erfolge verliehen wurde. Und auch Antonia Baumgart (Düsseldorf), die mit Lamango (54,1 Minuspunkte) Platz fünf belegte, gehört der Perspektivgruppe – allerdings nicht der Bundeswehr – an.

Fazit der Bundestrainerin
Ich bin sehr froh, dass wir jetzt eine U25-Meisterschaft haben und dass sie so positiv aufgenommen wurde. Mit Wiesbaden wurde dafür ein würdiger Standort gefunden“, sagte Olympiasiegerin und U25-Bundestrainerin Julia Krajewski. „Der Blick auf die Medaillengewinner ist keine große Überraschung. Wir haben hier gutes und starkes Reiten erlebt. Wir haben aber auch gesehen, dass eine gewisse Routine verlangt wurde und sich Vorerfahrung auf Vier-Sterne-Niveau ausgezahlt hat. Das Niveau war aus meiner Sicht passend, allerdings war der Boden durch den anhaltenden Regen doch ungewohnt weich, was im Springen den ein oder anderen Fehler mehr bewirkt hat. Vom Gelände her ist Wiesbaden etwas speziell, aber immer sehr ähnlich. Man weiß also, was einen erwartet. Und man konnte sehen, dass diejenigen, die regelmäßig solche technischen Aufgaben trainieren, hier im Vorteil waren.“ 

Felix Vogg Schnellster im Gelände
Der Gesamtsieg in der Vier-Sterne-Prüfung ging an den Schweizer Reiter Felix Vogg und Dao de L’Ocean. Ursprünglich Sechster nach Dressur, blieb er im Parcours fehlerfrei und kam als absolut Schnellster ins Ziel der Geländestrecke. Damit und dank der etwas ruhigeren Runde von Anna-Lena Schaaf war der Weg frei für ihn an die Spitze. Mit nur 32,8 Minuspunkten verwies er den Neuseeländer Tim Price mit Coup de Coeur Dudevin auf Platz zwei (39,0). Nur zwei Zehntel dahinter ordnete sich Wiesbaden-Sieger Michael Jung (Horb) mit Kilcandra Ocean Power ein. Beginnend auf Platz neun nach Dressur rückte der bislang sechsmalige Wiesbaden-Gewinner auf Platz drei vor. Schaaf wurde Fünfte der Gesamtwertung. fn-press/Hb

Stand: 20.05.2024