Deutsche Reiterliche Vereinigung
10.04.2022 | 17:05 Uhr | fn-press

Leipzig: Deutsche Vierspänner auf Platz sechs und sieben 

Mareike Harm startet als erste Frau in einem Weltcup-Finale

Mareike Harm beim Weltcup-Finale in Leipzig - Foto: Stefan Lafrentz Mareike Harm hat als erste Frau an einem Weltcup-Finale der Vierspänner teilgenommen. Foto (c): Stefan Lafrentz

Leipzig (fn-press). Beim Weltcup-Finale der Vierspänner in Leipzig haben die beiden deutschen Teilnehmer*innen Michael Brauchle und Mareike Harm die Plätze sechs und sieben belegt. „Es war trotzdem ein tolles Erlebnis, hier in der Halle bei diesem großartigen Publikum zu fahren, auch wenn ich am Ende des Tages nur den siebten Platz belegt habe“, zieht Mareike Harm (Negernbötel) das Fazit aus ihrer ersten Teilnahme an einem Weltcup-Finale. Der Sieg geht an den Niederländer und amtierenden Europameister Bram Chardon, der schon die Einlaufprüfung gewann. 

„Meine Pferde haben toll mitgemacht. Mir waren die Leinen etwas durch die Hand gerutscht, deshalb musste ich einen zusätzlichen Bogen fahren, das hat ein besseres Ergebnis verhindert", erklärte Mareike Harm ihr Ergebnis. Die Vize-Europameisterin mit der Mannschaft 2021 kam mit 173,56 Sekunden ins Ziel – Platz sieben. Michael Brauchle (Aalen), der mit einer Wildcard in Leipzig an den Start gehen durfte, und 2021 in Budapest gemeinsam mit Mareike Harm Silber gewann, fuhr auf Platz sechs in 166,79 Sekunden. Er hatte bereits alle Klippen des Parcours strafpunktfrei bewältigt, als noch drei Bälle fielen. „Ich war wohl hinten raus etwas zu frech, meine Pferde zu motiviert, weil bis dahin alles so gut geklappt hatte“, vermutet er als Fehlerquelle.

Zweikampf um den Sieg
Um den Sieg gab es einen heißen Zweikampf zwischen dem neunmaligen Welcup-Sieger Boyd Exell und Europameister Bram Chardon. Die Nase vorn hatte nach einem spannenden Stechen der Niederländer Chardon mit seinen pfeilschnellen Lippizanern, Gesamtergebnis nach drei Runden 258,73 Sekunden. „Das war hier Fahrsport vom Feinsten, dieses Finale war toll! Ich hatte mir einen genauen Plan gemacht, wollte die erste Runde auf Sicherheit fahren. Das ging aber nicht mehr, weil Boyd so schnell war. Ich war super nervös. Umso mehr freue ich mich, dass es jetzt zum Sieg gereicht hat, obwohl ich im Umlauf und im Stechen einen Abwurf hatte. Den habe ich auch meinem Vater zu verdanken, der mir bei der Vorbereitung zu Hause und auch hier sehr geholfen hat“, so der Sieger nach der Prüfung.

Weltmeister Boyd Exell mit Fahrfehler
Der Australier Boyd Exell wollte eigentlich seinen zehnten Weltcup-Sieg einfahren, ein winziger Fahrfehler im Stechen verhinderte das. Nach der Fahrt über die Brücke zum Ende des Parcours war sein Gespann für einen kurzen Augenblick nicht ganz gerade gerichtet, überfuhr einen Kegel. Exell musste seine Pferde kurz aufnehmen und kassierte zusätzlich vier Strafsekunden. 262,82 Sekunden standen auf der Anzeigetafel, Platz zwei. Der Ärger über den vergebenen Sieg war ihm anzumerken, als Profi hatte er sich jedoch fest im Griff, lobte seine Pferde und sein Team und fand auch lobende Worte für Bram Chardons Pferde.

Glenn Geerts vergisst im Stechen den Weg
Den dritten Platz auf dem Podium belegte Glenn Geerts (323,73 Sek.). „Ich bin super happy, dass ich überhaupt das Stechen erreicht habe“, freute sich der Belgier. „Das war mein Ziel für dies Finale. Dass ich um die ersten beiden Plätze nicht mitfahren konnte war mir klar, zu stark sind Bram und Boyd“. So gratulierte er denn auch Bram Chardon mit großer Herzlichkeit. Im Stechen unterlief Glenn Geerts noch ein Missgeschick, das im Nachhinein für Erheiterung sorgte. Weil er sich wenig Chancen für das Stechen ausgerechnet hatte, hatte er sich auch den Kurs nicht richtig gemerkt. Sein „Navigator“, sprich die hinter dem Kutschbock stehende Person, die den Fahrer bei dem Weg durch die Hindernisse unterstützt, ist seine Ehefrau. „Sie hat mich nach links dirigiert, ich bin nach rechts gefahren, wir haben ein Hindernisteil umgeschmissen, die Fahrt wurde unterbrochen. Ich fürchte, das wird auf der Rückfahrt nach Belgien noch ausführlich diskutiert“, schmunzelt er.

Mareike Harm als erste Frau im Weltcup-Finale
Die „Navigatoren“ im Fahrsport sind häufig weiblich, das ist kein neues Phänomen. Neu ist jedoch die Teilnahme einer Frau als Fahrerin in dieser inoffiziellen Hallen-Weltmeisterschaft. Die Holsteinerin Mareike Harm ist die erste Frau, die sich in dieser bislang rein männlichen Domäne einen Platz erobert hat. Das erwähnte Bram Chardon ausdrücklich: „Es ist gut, dass Mareike unter Beweis stellt, wie gut auch Frauen diesen Sport ausführen können. Fahrsport ist kein Kraftsport, mit der richtigen Ausbildung und der richtigen Ausrüstung können Frauen das ebenso erfolgreich wie Männer ausüben.“

Der Medienrummel im Vorfeld des Weltcup Finale der Fahrer in Leipzig war auch außergewöhnlich, sogar der Bildzeitung war es einen Artikel wert, dass Mareike Harm als erste Frau in dieser Männerdomäne mitfährt. „Das wäre bei einem Finale in Bordeaux deutlich weniger gewesen“, vermutet die Holsteinerin. Selbst das Mittagsmagazin von ARD und ZDF sendete einen Beitrag über die erfolgreiche Fahrerin.

Eine immer wiederkehrende Frage ist die nach der Körperkraft, die mutmaßlich für diesen Pferdesport Voraussetzung ist. „Ich versuche natürlich meine Pferde möglichst zu sensibilisieren um es etwas leichter zu haben, kann mir auch vorstellen, dass manche meiner männlichen Kollegen mehr Kraft aufwenden. Aber nein, extra Krafttraining mache ich nicht. Muss ich auch nicht, das Training mit meinen Pferden reicht." Die Herausforderung sei ohnehin nicht die körperliche Anstrengung, sondern eher die Aufgabe, aus vier verschiedenen Pferden, vier unterschiedlichen Individuen ein Team zu formen, beschreibt sie den besonderen Reiz dieses Pferdesports.

Beim Weltcup Finale fährt die 36-Jährige, die in Holstein auf ihrem Pensionspferdebetrieb 15 Fahrpferde im Training hat, im Unterschied zu vielen ihrer Konkurrenten kein spezielles Indoor-Gespann, sondern die Pferde, die sie das ganze Jahr hindurch auf Turnieren einsetzt. Eine Stütze des Gespanns ist Quebec Sautreuil, genannt Sepp. Der braune Wallach ist seit zehn Jahren dabei, kennt den Sport in- und auswendig. Neben ihm als Vorderpferd geht Luxusboy. Ursprünglich im Einspänner gefahren und früher kein großer Freund von Indoor-Veranstaltungen, „hat er jetzt aber unheimlich Spaß daran“, freut sich seine Fahrerin. Zatijn und Zazou komplettieren das Gespann als Stangenpferde – das sind die hinteren Pferde in einem Vierspänner. „Einen Viererzug zu fahren, besonders auch im Marathon, hat mir so recht keiner zugetraut. Deshalb bin ich heute ein bisschen stolz, dass ich das so durchgehalten habe“, so Mareike Harm.

Fahrsport ist Teamsport, nicht nur vor, sondern auch auf der Kutsche. Das Team um Mareike Harm ist rein weiblich, auch das etwas Besonderes unter den Vierspännerfahrern. In Leipzig wie auch sonst im Gelände steht Linda Tödten hinter der Fahrerin und gibt Anweisungen für den richtigen Weg, beobachtet gleichzeitig auch die Pferde, ist sozusagen Copilot auf der Kutsche. Sie ist seit sechs Jahren im Team und kennt sich bestens aus. Nicole Bielemeier ist für die korrekte Gewichtsverteilung und Balance der Kutsche verantwortlich. „Das ist eigentlich ein reiner Männerjob“, erklärt Mareike Harm, „aber Nicole macht das fantastisch. Immer das Gewicht aufs innere Hinterrad und dann gut festhalten. Hat ein bisschen was von Motorrad fahren. Auch wenn Nicole jetzt nicht so viel Gewicht mitbringt wie viele Männer: Wir sind damit im wahrsten Sinne des Wortes gut gefahren und „never change a winning Team“. Nicole hat ihre Ausbildung bei Mareike Harm gemacht und gehört seither zum Betrieb. FN/Christine Meyer zu Hartum

 

 

 

Stand: 10.04.2022