Deutsche Reiterliche Vereinigung
28.05.2012 | 09:50 Uhr | fn-press

CVI*** Masterclass Wiesbaden: Ingelsberg rockt den Schlosspark

Bayern sichern sich ersten Sieg beim Pfingstturnier / Eccles setzt Serie fort / Nousse schlägt Brüsewitz

Wiesbaden (fn-press). Das Team VV Ingelsberg, die Britin Joanne Eccles und der Franzose Ivan Nousse haben sich die Siege in den CVI*** Masterclass-Wettbewerben beim 76. Pfingstturnier in Wiesbaden gesichert. Die derzeit kürstärkste deutsche Mannschaft voltigierte sich auf Adlon an der Longe von Alexander Hartl in die Herzen des Wiesbadener Publikums. Die Britin sorgte für den vierten Eccles-Triumph in Folge. Nousse zog in einem spannenden Finale noch am Deutschen Viktor Brüsewitz (Garbsen) vorbei.

Vor gefüllten Rängen im Biebricher Schlosspark dominierten die Ingelsberger Voltigiererinnen zu rockigen Kürklängen von Meat Loaf in beiden Umläufen die Konkurrenz. Bereits beim ersten Auftritt unter Flutlicht hatten sich die amtierenden Vize-Weltmeister über einen Punkt Vorsprung herausgeturnt. Im zweiten Durchgang steigerten sich die Schützlinge von Voltigiermeister Alexander Hartl nochmals und erhielten die Tageshöchstnote von 8,894 Punkten. Im Endergebnis bedeutete dies 8,47 Zähler und damit über sieben Zehntel Vorsprung vor den Lokalmatadoren aus Mainz-Laubenheim. Die Mannschaft von Trainerin und Longenführerin Hanne Strübel (ebenfalls FN-Voltigiermeisterin) lag nach dem ersten Durchgang mit einem Sturz – und den nach neuem Reglement verbundenen hohen Abzügen – noch auf Rang vier. Am Finaltag schob sich das Team dann mit 8,531 Punkten auf Elevation noch vor auf Rang zwei (gesamt 7,794). Der dritte Platz ging an das Team Harlekin aus der Schweiz (7,576), Rang vier an die niederländische Equipe VV de Wittegheit (7,315). Hartl war mit seinen Turnerinnen sehr zufrieden: „Wir haben zwei gute Durchgänge gezeigt.“ Bundestrainerin Ulla Ramge, die die Voltigierprüfungen am Sonnabend für zahlreiche PM-Mitglieder live kommentiert hatte, ergänzte: „Die Ingelsberger können stolz auf sich sein. Sie haben es einmal mehr geschafft, unter diesen schwierigen Bedingungen unter freiem Himmel zu überzeugen.“ Der 17-jährige Brandenburger Adlon habe sich im Schlosspark sogar noch besser präsentiert als zuletzt beim Preis der Besten, als die Bayern dem Konkurrenten RSV Neuss-Grimlinghausen knapp unterlegen waren. Die Rheinländer hatten den Start in Wiesbaden im Übrigen kurzfristig abgesagt, um Kräfte zu sparen für das anstehende CVI*** in Krumke (Sachsen-Anhalt). Dort soll eine Entscheidung fallen, wer Deutschland bei der Weltmeisterschaft im August in Le Mans/FRA vertreten wird. Bislang liegen Ingelsberg und Neuss nahezu gleichauf. „Ich denke, dass den Ingelsbergern der Start in Wiesbaden zusätzliche Stabilität und Selbstvertrauen gegeben hat“, schätze Ramge ein.

Auch die deutschen Longlist-Kandidaten des Einzelvoltigierens haben nach Aussage der Nationaltrainerin aus ihren Auftritten in der hessischen Landeshauptstadt viel gelernt. Für einen schwarz-rot-goldenen Triumph jedoch reichte es nicht. Viktor Brüsewitz hatte auf seinem Pferd Rockard H (Longenführerin Silke Gedien) zwar einen grandiosen Auftakt hingelegt und war mit 8,447 Punkten in Führung gegangen. Im zweiten Durchgang unterlief dem Sportsoldaten jedoch ein Fehler, der ihm den erhofften Sieg an dem Ort kostete, an dem sein Pferd im vergangenen Jahr seinen ersten Turnierauftritt hatte. Zum Verhängnis wurde Brüsewitz der Turnierbezug seines Pads. Das ist im Training für gewöhnlich deutlich weniger gespannt als der Wettkampf-Stoff. Während seiner Kür hatte der EM-Bronzemedaillengewinner bei einer verhältnismäßig leichten Übungskombination den Rhythmus verloren und keinen richtigen Halt im Bezug gefunden. Er kam daraufhin gegen die Bewegung des Galoppsprunges und musste zwei Takte am Stück mitlaufen, was ihm die nötigen Zehntel in der Ausführung kosteten. „Ein doofer Fehler“, brachte es der junge Mann unmittelbar im Anschluss auf den Punkt. Denn durch seinen Fauxpas schob sich der Franzose Ivan Nousse auf Carlos, der von der deutschen Elke Schelp-Lensing longiert wurde, noch mit total 8,194 Zählern auf Rang eins. Brüsewitz verbuchte 8,096 Punkte auf seinem Konto. Rang drei ging an den Tschechen Lukas Klouda. Der Vorjahressieger erhielt auf dem Kölner Pferd Harry Potter RS von der Wintermühle 8,063 Punkte. Dabei steigerte sich der 27-Jährige am zweiten Tag um sieben Zehntel auf 8,457 und erhielt damit die Höchstnote beider Umläufe. Um die beiden Führenden zu gefährden, reichte es aber nicht mehr. Die weiteren deutschen Teilnehmer landeten auf Rang vier (Thomas Brüsewitz/Pferd: Puccini/Longenführerin: Irina Lenkeit), fünf (Torben Jacobs/Harry Potter RS von der Wintermühle/Patric Looser) und sechs (Jannik Heiland/Puccini/Irina Lenkeit).

Bei den Damen voltigierte die amtierende Welt- und Europameisterin Joanne Eccles zum ungefährdeten Sieg. Die Britin sorgte damit für den vierten Eccles-Triumph in Folge. Bereits 2009 und 2010 hatte die 23-Jährige in Wiesbaden gewonnen. Im vergangenen Jahr war sie nicht and den Start gegangen. Allerdings ihre Schwester Hannah, die kurzerhand den Sieg einfuhr. In diesem Jahr sorgte Joanne mit überragenden 8,848 Punkten für alte Verhältnisse. Hannah landete auf Rang zwei (8,478). Beide waren mit Longenführer und Vater John Eccles sowie ihrem Erfolgspferd WH Bentley an den Start gegangen. Auf Rang drei landete die Schweizerin Simone Jäiser (8,084). Die Ränge vier bis acht ging an die deutschen Teilnehmerinnen Pia Engelberty (Köln), Kristina Boe (Hamburg), Regina Burgmayr (Kastenseeon), Susanne Schmidt (München) und Theresa Sophie Bresch (Tübingen).

Für Gesprächsstoff im Schlosspark sorgte einmal mehr das neue internationale Reglement, wonach sich vier anstatt wie bisher nur drei Richter die Gesamtnote aufteilen. Einige Unparteiische beklagten sich, dass ihnen das Gefühl für das Ganze verloren gehe, berichtete Ulla Ramge. „Die Richter schwimmen“, umschrieb es die Bundestrainerin. Sie ist dennoch zuversichtlich: „Das sind lediglich Geburtswehen. Die Grundidee, das Wertungssystem gerechter zu gestalten, ist auf dem richtigen Weg der Umsetzung.“ Sie hofft, dass die Unklarheiten an den Richtertischen bis zur WM in Le Mans (15. – 19 August) ausgeräumt sind und sich das Verfahren etabliert. Das erwartet auch Hartl, der in Wiesbaden seinen Unmut über teilweise vorhandene Undurchsichtigkeit zum Ausdruck brachte. „Als Aktiver weiß man oftmals nicht, woher bestimmte Noten kommen.“ Der mehrfache Mannschafts-Weltmeister sagte dies vor allem in Bezug auf die Pferdenote. Dort vermisse er sogar teilweise das nötige Verständnis von Seiten der Richter. Der Ingelsberger Trainer verdeutlichte dies an einem konkreten Beispiel des aktuellen Wiesbadener Wettkampfes. Ramge stimmte zu, betonte aber, dass es sich hierbei „nur noch um Einzelfälle“ handele. „Früher war es die Regel“, so die 49-Jährige. Und: „Auch wenn es zweifelsohne noch Schwierigkeiten gibt. Zumindest ist der Wettkampf nicht verzerrt. Denn hier stehen die richtigen Voltigierer vorne.“

Zur Erläuterung: Die Pferdenote spielt seit der Regeländerung eine noch gewichtigere Rolle. Sie wurde mit Einzug des neuen FEI-Reglements am 1. Januar 2012 um fünf Prozent (von 20 auf 25 Prozent) Anteil an der Gesamtnote aufgewertet. Daniel Kaiser

Stand: 28.05.2012