Deutsche Reiterliche Vereinigung
30.08.2020 | 20:15 Uhr | fn-press

BuCha 2020: Überraschungssieger bei den Springpferden

Lyjanair und Charly sind die neuen Bundeschampions

Warendorf (fn-press). Mit diesen beiden hatte keiner gerechnet: Am Sonntag gelangten der fünfjährige Oldenburger Charly und der sechsjährige Holsteiner Lyjanair bei den „etwas anderen“ Bundeschampionaten in Warendorf zu Championatsehren.

Die erste Riesenüberraschung gab es beim Bundeschampionat der fünfjährigen Springpferde, der Fundis-Trophy. Der Oldenburger Wallach Charly von Chaman – Stakkato, vorgestellt von Christian Kukuk (Hörstel), hatte zwar die beiden Qualifikationen brav absolviert, mit einer solchen Leistungssteigerung im Finale und dem Titelgewinn hatte aber niemand gerechnet, nicht einmal sein Reiter. „Wir haben das Feld jetzt nicht von hinten, aber sagen wir mal von der Mitte aufgerollt“, kommentierte Kukuk schmunzelnd seinen Sieg. Charly ist quasi ein Familienprodukt der Familie Winter-Schulze und dem Stall Beerbaum. Charlys Mutter Sundance, gekauft von Dietrich Schulze, ging unter Phillip Weishaupt erfolgreich im Sport, bis sie sich neunjährig verletzte und deshalb Zuchtstute wurde. Aus der Bedeckung mit Ludger Beerbaums Chaman fiel ihr erstes Fohlen, eben jener Charly, der sich heute anschickte, in die Fußstapfen seiner erfolgreichen Eltern zu treten. Für seine Besitzerin Madeleine Winter-Schulze ist er deshalb ein ganz besonderes Pferd. „Insofern ist dies heute auch ein besonderer Sieg“, sagte Ludger Beerbaum. „Charly war jetzt nicht vom ersten Tag an eine Schönheit, aber seine ersten Sprünge waren schon vielversprechend. Er hat seinen Job immer gut gemacht, trotzdem hatte ich ihn nicht unter den Favoriten“. Und Christian Kukuk ergänzte: „Charly hat sich im Laufe des Championats von Runde zu Runde gesteigert. Er ist bei der Arbeit hochkonzentriert, wobei er in vielen Bereichen sehr sensibel ist. Aber das Gefühl am Sprung auf ihm ist unglaublich. Mit seiner tollen Einstellung macht er die Nachteile, die er gegenüber den Hengsten im Exterieur hat, wieder wett“. Die Richter lobten an Charlys Vorstellung die Selbstverständlichkeit, mit der er die schwere Aufgaben in der Spezialspringpferdeprüfung Klasse M kraftvoll und mit großer Vorsicht am Sprung bewältigte, erwähnten aber zugleich die phantastische reiterliche Leistung, die Christian Kukuk im Sattel des Wallachs zum Sieg beigetragen hat. Gesamtwertnote aus beiden Umläufen 18,4.

Cashmere wird Vize-Bundeschampion
Die Silbermedaille ging an den von Dr. Axel Schürner gezogenen Hengst Cashmere von Cristallo – Contender. Mit zwei sehr gut gelungenen Auftritten, „immer im Rhythmus, immer im Gleichmaß, mit viel Kraft und immer aufmerksam am Sprung“, so Geilfuß, bekam er in beiden Umläufen ein glattes „sehr gut“, 9,0. Marco Kutscher im Sattel ließ den im Gestüt Neuenhof beheimateten Westfalen seine ganzen Stärken demonstrieren. Auch Cashmere ist für seine Besitzer ein besonderes Pferd, heißt im Stall „der Kronprinz“, weil er als Deckhengst schon einen bemerkenswert guten ersten Fohlenjahrgang vorweisen kann und daraus folgend eine große Anzahl von Stuten gedeckt hat. Dass er ein Kämpfer ist, hat Cashmere schon am Lebensanfang bewiesen, als seine Mutter Novice bei seiner Geburt starb. Glück für ihn, dass er von La Belle adoptiert wurde, der Stute aus der Nachbarbox, mit deren Fohlen er sich fortan die Stutenmilch teilen musste. Marco Kutscher lobt Cashmeres Einsatzbereitschaft und seine Kampfkraft.

Der haushohe Favorit in dieser Altersklasse beendete das Championat mit einer Bronzemedaille. Coros, Sieger in beiden Qualifikationen und auch mit 9,5 Notenbester im ersten Umlauf, sah unter Hendrik Dowe (Heiden) wie der sichere Sieger aus, bis ihm im zweiten Umlauf ein Springfehler unterlief. „Eigentlich kann man es nicht besser machen“, hatte Kommentator Joachim Geilfuß noch nach dem ersten Umlauf geschwärmt. So war es überraschend, dass bei dem westfälischen Cornet Obolensky-Sohn (MV: Arpeggio) im zweiten Umlauf die eine Stange fiel. Endnote 17,8 für den von Werner Buschsieweke aus Gütersloh gezogenen Hengst, den dessen Besitzer, Familie Rosendal, 2015 auf einer Fohlenauktion in Münster- Handorf gekauft hatten. Den Bronzerang musste Coros sich zudem teilen mit Contino-Quick PS, dem aus der Zucht und im Besitz des Gestüts Lewitz stehenden Hengst von Contendro – Carinue. Contino-Quick ist im OS-Verband eingetragen, überzeugte die Richter mit gutem Rhythmus und Gleichmaß, sie lobten die Losgelassenheit und den guten Ablauf. Unter dem Japaner Eiken Sato glänzte der Hengst als Springpferd mit Zukunft, auch dieses Paar beendete die beiden Umläufe mit der Endnote 17,8. Sein zweites Pferd im Finale, den Hannoveraner Schimmelwallach Damaskus, ritt Sato auf den fünften Rang. Hendrik Dowe, einer der fleißigsten Reiter des Championats, hatte zwar seine vier angetretenen Pferde ins Finale gebracht, in den zweiten Umlauf schaffte es jedoch nur Coros.

Mit einem deutlich größeren Kontingent an Pferden als in den letzten Jahren nahm Paul Schockemöhle mit seinen Reitern an den Bundeschampionaten teil. “Gut, dass die FN das Bundeschampionat auch unter Corona- Bedingungen durchführt. Viele gute Anregungen aus dem letzten Jahr konnten übernommen werden, haben sich schon bewährt. Nicht geklappt hat die angedachte höhere Dotierung, aber das war auch unter diesen Umständen nicht zu erwarten. Schade, dass so wenig siebenjährige Springpferde da waren“, sagte „PS“.

Sechsjährige Springpferde: Sieg für Lyjanair
Für große Freude im Lager der Holsteiner Pferdefreunde sorgte der neue Bundeschampion der sechsjährigen Springpferde, Lyjanair, ein Sohn des Lyjanero – Coriano. Von den 41 Startern in der Springprüfung Klasse M**, in der das Bundeschampionat der sechsjährigen Springpferde - Preis der Familie Müter - entschieden wurde, waren nur sieben Holsteiner, das waren in früheren Zeiten wesentlich mehr. Unter dem Niederländer Bart van der Maat war der braune Wallach mit 37,25 Sekunden der Schnellste in dem Stechen, das nur drei Starterpaare erreicht hatten. Züchter von Lyjanair ist Wendy Davies, Besitzer die Bengtsson & Helgstrand GmbH. Als letzter Starter ging Bart van der Maat volles Risiko ein, galt es doch die von Christian Kukuk und Zineday vorgelegte Zeit (38,15 Sekunden) zu unterbieten. Es war einer der Ritte, bei denen Pferd und Reiter alles gelingt, der Sieg ging hochverdient an das holsteinisch-niederländische Paar. Der Jubel des Reiters nach dem Ziel war dem Wert des Titels „Bundeschampion“ entsprechend hoch: „Unfassbar, dass ich hier gewonnen habe!“ freute er sich. „Mein Pferd hat alles gegeben. Lyjanair hat so ein großes Herz, er ist supervorsichtig und hat riesig Vermögen“, erzählte er.

Zineday, vorgestellt von Christian Kukuk, war als heißer Kandidat auf den Titel ins Rennen gegangen. Mit seinem Sieg in der ersten und dem zweiten Platz in der zweiten Qualifikation hatte der Westfale von Zinedine – Polydor seine gute Form unter Beweis gestellt. Als der Hengst als erster von drei Bewerbern um den Titel ins Stechen einzog und dieses dann mit einer von Christian Kukuk durchaus auf Sieg gerittenen Runde absolvierte, sah er schon wie der spätere Sieger aus. Dass es nun „nur“ zur Silbermedaille gereicht hat, dürfte die Freude von Züchter und Besitzer Franz-Georg Ottmann aus Saerbeck kaum geschmälert haben.

Der Hannoveraner Everton PJ von Embassy I – Light On galoppierte mit Alexia Stais auf den dritten Platz. Mit vier Strafpunkten in 39,63 Sekunden beendete das Paar den Parcours auf Platz drei und nahm die Bronzemedaille mit nach Hause. Als Züchter des Everton PJ ist die Pferdezucht Dr. Jacobs GbR eingetragen, als Besitzer die Michaels und Beerbaum GmbH.

Außer den drei Stechteilnehmern gelang nur noch zwei weiteren Paaren eine abwurffreie Runde, allerdings kassierten Comme le père von Comme il faut – Contender und Christian Kukuk sowie Delestre von Diarado – El Bundy unter Mario Maintz je einen Zeitfehler und rangierten so auf den Plätzen vier und fünf.

Nur drei Teilnehmer im Stechen waren sicher nicht das Traumergebnis von Parcoursbauer Peter Schumacher, aber er hatte mit der Springprüfung Klasse M** auch keine zu schwere Aufgabe für die jungen Pferde gestellt. Eine offensichtliche Fehlerquelle war nicht auszumachen, auch wenn eine große Zahl der Abwürfe zu Beginn des Parcours gemacht wurde. Schlechte Bilder gab es nicht, die Qualität der Pferde hatte Schumacher richtig eingeschätzt. „Der Parcours war etwas schwer, aber sehr fair gebaut“, urteilte Bart van der Maat. „Besonders der Stechparcours mit seinen langen Linien kam mir sehr entgegen, Lyjanair hat viel Galopp“. Der Niederländer reitet seit vier Jahren in Deutschland, im September geht er zurück nach Holland und macht sich dort selbständig. FN/Christine Meyer zu Hartum

Mehr Informationen zum Verlauf der Bundeschampionate sind in den Tageszusammenfassungen unter www.Bundeschampionate.tv zu finden.

Stand: 31.08.2020