Tina Pantel
PM-Juniorclub 11-09
Alles über Jungzüchter - Die Zuchtexperten von morgen
Beim Thema Pferdezucht denken viele als erstes an ältere Herren mit Hut, die über die Abstammungen ihrer Pferde fachsimpeln. Dabei hat sich in den deutschen Zuchtverbänden für jüngere Pferdezucht-Experten ganz schön was getan. Die sogenannten Jungzüchter von acht bis 25 Jahren messen sich in Wettbewerben bis auf Bundesebene oder sogar bei Weltmeisterschaften, die diesen Sommer in Irland stattfanden.
Übrigens ist der Spaßfaktor nicht nur beim Vorführen und Beurteilen von Pferden, sondern auch beim Feiern von Partys hoch. Und was die meisten nicht wissen: Wer aktiver Jungzüchter werden will, muss gar nicht unbedingt Mitglied in einem Zuchtverband sein oder ein eigenes Pony/ Pferd haben. Am allerwichtigsten ist nämlich etwas ganz anderes: Ihr müsst einfach "nur" pferdeverrückt sein und euch für alles rund um die Pferdezucht interessieren. Bei den Jungzüchtervereinen der verschiedenen Zuchtverbände, wie zum Beispiel bei den Hannoveranern, Holsteinern, Westfalen oder in Brandenburg/Anhalt wird viel für den Nachwuchs geboten. Die aktiven Jungzüchter besuchen zusammen bekannte Zuchtstätten oder schauen Privatzüchtern in ihrem Betrieb über die Schulter. "Bei uns gilt das Musketier-Motto: Einer für alle - alle für einen", erzählt Jörg Kotenbotel, Coach des Jungzüchterteams Brandenburg-Anhalt, die 2009 in Wickrath beim Bundeswettbewerb nicht nur Deutsche Meister wurden, sondern auch den WM-Titel im irischen Pilltown holten. Bester Beweis, dass man nicht unbedingt aus einer Familie mit Pferdetradition kommen muss, ist Viktoria Herzog aus dem siegreichen Team. Sie ist beruflich nämlich nicht im Sattel, sondern auf dem Wasser unterwegs. Die gelernte Binnenschifferin, deren Eltern eine Fahrgast-Schifffahrt betreiben, kam ganz zufällig zum Pferd, weil in der Nähe ihres Wohnhauses Pferde auf der Weide standen. Dort fand sie netten Kontakt zu Freizeitreitern und darüber dann zu den Jungzüchtern. Schon länger engagiert sie sich im Team Brandenburg-Anhalt und fühlt sich pudelwohl unter all den gleichaltrigen Pferdefans.
Aber worum geht es eigentlich genau bei den Jungzüchterwettbewerben? In den vier Teilprüfungen Vormustern, Pferdebeurteilung, Theorie und Freispringbeurteilung wetteifert man um die besten Noten. Wer sein Pferd richtig schön herausbringt - blitzblank geputzt und fachgerecht frisiert -, kann mit hohen Punktzahlen rechnen. Hier sind übrigens nicht immer nur die Mädchen vorne mit dabei! Und wer kein eigenes Pferd hat, bekommt für den Wettbewerb und zum Üben von Züchtern gerne Pferde zur Verfügung gestellt. Jungzüchter-Wettbewerbe sind in verschiedene Altersklassen eingeteilt, damit die "alten Hasen" nicht gegen die ganz Kleinen antreten. In der Eingangsklasse der Sechs- bis Neunjährigen schnuppern die Jüngsten mit ihren Ponys schon mal in die Zuchtwettbewerbe hinein. Klar, dass hier der Spaß an den Vierbeinern, egal ob Shetty, Welsh oder Haflinger, besonders zählt. Wer noch nicht lesen oder schreiben kann, wird in der Theorie mündlich geprüft.
Zum Bundeswettbewerb der Jungzüchter, dem Finale der besten jungen Pferde-Experten, darf man allerdings erst ab 14 Jahren fahren. Hier treten die 14- bis 18-Jährigen und die 19- bis 25-Jährigen mit Warmblutpferden aus ihren jeweiligen Zuchtgebieten gegeneinander an und müssen als besonderen Schwierigkeitsgrad auch fremde Pferde vorstellen, die sie erst kurz vor Prüfungsbeginn zum ersten Mal sehen. Das war auch bei der Jungzüchter-WM in Irland so. Hier waren 20 Teams am Start, darunter Kanada, Dänemark, Schweden, die Schweiz, Frankreich und natürlich Irland. Die Jungzüchter aus Brandenburg-Anhalt haben in Theorie (englische Fragen), Freilaufen/ Freispringen, Beurteilen, Frisieren und Vormustern extrem gut abschnitten (das ältere Team belegte Platz eins, das jüngere Platz drei) und stellten mit David Bahnemann sogar noch den Einzel-Weltmeister bei den 20 bis 25-jährigen. Die neuen Weltmeister hatten 2003 schon mal den WM-Titel geholt. Wie lautet das Geheim-Rezept dieser Erfolgsmannschaft? "Wir haben kein Rezept, sondern einfach viel Spaß zusammen. Es zählt vor allem der Mannschaftsgedanke und nicht unbedingt, dass man Wettbewerbe gewinnt", so Jörg Kotenbeutel, der etwa 90 Jungzüchter betreut. Dass seine Zuchtexperten theoretisch besonders fit sind, könnte auch am E-Learning liegen. Hierzu verschickt der Betreuer Artikel aus Pferdefachzeitschriften zum den Themen Haltung, Fütterung und Medizin per E-Mail. Acht Wochen haben seine Jungzüchter dann Zeit, sich mit den Texten zu befassen. Dann bekomen sie Fragen per Mail zugeschickt, die nach einem Punktesystem ausgewertet werden. "So kann ich sicher sein, dass die Fachtexte auch wirklich richtig gelesen wurden." Natürlich kommt auch die Praxis nicht zu kurz. Bei Züchterseminaren und Wettbewerben mit befreundeten Verbänden und Vereinen wie den Mecklenburgern oder den Trakehnerzüchtern bereiten sich die Brandenburg-Anhaltiner Jungzüchter auf die großen Wettbewerbe der Saison vor. Mehr über Jörg Kotenbeutels Team erfährt man übrigens im Internet unter www.jungzuechter-ost.de.
Die meisten Jungzüchter sind auch begeisterte Reiter, denen es jede Menge Vorteile bringt möglichst viel über Exterieur, Interieur, Abstammungen und Pferdehaltung zu wissen. Ist doch klasse, wenn man ein Pferd zum ersten Mal sieht und gleich fachmännisch beurteilen kann, zu welchen Vor- oder Nachteilen der Körperbau des Pferdes beim Reiten führen kann, oder? Damit beeindruckt man nicht nur Freunde im Stall, sondern bestimmt auch erwachsene Züchter, die sich über so schlauen Nachwuchs freuen. Und nicht zu vergessen: Als aktiver Jungzüchter kann man nicht nur mit den Pferden eine tolle Zeit verbringen und viel dazu lernen, sondern trifft garantiert auch gleichaltrige Pferdefans und neue Freunde. Wenn ihr jetzt Lust bekommen habt, auch Jungzüchter zu werden, fragt einfach nach den Jungzüchterbeauftragten in eurem regionalen Zuchtverband. Auf der Internetseite der FN sind auch einige Informationen zu den Bundesjungzüchtern eingestellt: (Link http://www.pferd-aktuell.de/Doc-..16708/doc.htm)
Der PM-Juniorclub hat mit Inken Johannsen (34), der Jung- und Neuzüchterbeauftragen des Holsteiner Verbandes, über die Faszination der Jungzüchterarbeit gesprochen.
Was unternehmen die Jungzüchter gemeinsam, was sind die Hauptaktivitäten über das Jahr verteilt?
Die Aktivitäten sind sehr vielschichtig und sprechen verschiedenste Altersgruppen an. Die Holsteiner Jungzüchter veranstalten Diskussionsveranstaltungen, Vorträge und Gestütsbesichtigungen, die insbesondere die erfahreneren Jungzüchter und auch Neuzüchter
ansprechen. Für den Nachwuchs sind Schnuppertage, Spaßrallye und auch die Wettkämpfe der Schwerpunkt. Bei vielen Veranstaltungen treffen sich sowohl Jung-, Neu- und Altzüchter. So helfen die Jungzüchter bei Verbands- oder Körbezirksveranstaltungen und Altzüchter wiederum ermöglichen auf ihren Betrieben "Fohlenkieken" (also Fohlenbeurteilungen) oder Vormustertraining.
Viele Jungzüchter haben ein spezielles Outfit (weiße Hosen, Verbandsshirt). Bekommt man das Outfit, wenn man Mitglied ist, automatisch?
Das ist in jedem Zuchtverband individuell geregelt. In Holstein gibt es bei allen Verbandsveranstaltungen für die Helfer die Möglichkeit ein Verbandssweatshirt vergünstigt zu erwerben. Für die Wettkämpfe haben wir ein extra Jungzüchteroutfit, das erhalten alle nominierten Starter gratis und die Schlachtenbummler zum Selbstkostenpreis. Damit kommen wir den Jugendlichen gern entgegen.
Was macht Dir an der Jungzüchterarbeit besonders viel Spaß? Was ist die Faszination?
Pferdezucht ist wie ein Virus, eine Leidenschaft. Es ist für mich das schönste Hobby: Naturverbunden, leistungsorientiert, erfordert viel Disziplin und Engagement, und wenn man alles richtig macht und auch noch ein bisschen Glück hat, kann man mit dem Hobby auch etwas verdienen. Als Eltern kann man sich glücklich schätzen, wenn Kinder sich bei den Jungzüchtern engagieren und ihren Freundeskreis dort entwickeln. Mir selbst macht es viel Freude zu sehen, wie Jungzüchter, die ich schule und aufbaue erfolgreich auf Wettkämpfen unterwegs sind und einen Teil dazu beitragen kann, die Zukunft der Holsteiner Pferdezucht zu sichern.

